Bruder Konrad
Bruder Konrad von Parzham
Der heilige Kapuziner an der Klosterpforte von Altötting

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"Bruder Konrad, der heilige Pförtner 1818 - 1894"

(Inhalt: Bildheft von P. Kosmas Wührer und P. Karl Kleiner, Franziskusverlag Altötting, 5. Aufl. 1994. Text: P. Kosmas Wührer, Bilder: P. Karl Kleiner)

Parzham - Venushof

Auf dem Venushof zu Parzham wurde Konrad am 22. Dezember 1818 geboren. Das Haus war gerade fertig gebaut worden, natürlich aus Holz gebaut und mit Holzschindeln auf der Wetterseite verkleidet. Zwei unfruchtbare Jahre waren vorausgegangen, ein sehr nasses und ein sehr trockenes. In jenem Jahr, als die Mutter ihr elftes Kind trug, da geschah es, dass die Menschen den ersten Erntewagen auf den Knien und mit gefalteten Händen begrüßten. Am Tag der Geburt brachte man das Kind nach St. Wolfgang und taufte es auf den Namen Johannes. So wuchs der Venussen-Hansl mit dem Familiennamen Birndorfer auf dem stattlichen Bauernhof mit seinen 125 Tagwerk Grund, seinen 17 bis 22 Pferden und viel Vieh in den Ställen heran. Fünf von den Geschwistern starben bald nach der Geburt, blieben noch sechs Geschwister, drei Mädchen, drei Buben, seine Gefährten.

Mit 14 Jahren verlor Hansl die Mutter, mit sechzehn den Vater. Die Geschwister hielten zusammen und waren der Ansicht, der Hans sollte den Hof übernehmen. Man. traute es ihm am ehesten zu, obwohl er der Vorletzte war.

Die Bräuche auf dem, Hof waren seit Generationen die gleichen. Das betraf die Tierhaltung wie den Ackerbau. Auch im Haus wusste jedes, wie das Leben vor sich zu gehen hat. Die Bauernkost der Rottaler lernte die Bäuerin bei ihrer Mutter bereiten. Das Beten am Morgen, zum Mittagstisch und am Abend war nach strengem Brauch geregelt. Was das Beten betrifft, so tat Hans allerdings, ein übriges. Fluchen und Schelten, Verleumden und Ehrabschneiden konnte er nicht ertragen. Wallfahrten mochte er gern - auch wenn es polizeilich verboten war. Allmählich lockerten sich wohl die strengen Gesetze der Säkularisation, die das kirchliche Leben brutal verletzt hatten. Hans hatte auch seine eigene Art, das Messopfer zu begehen. Er hatte es gelernt aus dem Buch des Kapuziners P. Martin von Cochem.

Niemand kann sagen, an welcher Station seines Lebens der Herr an die Tür seines Herzens geklopft hat, so geklopft, dass seine Anwesenheit unabweisbar erschien. Von welchem Lebensalter an er der Heilige geworden ist, dafür gibt es keine Aussagen und keine Zeugen. Es scheint von Anfang an geplant zu sein von Gott, der die Zeiten durch die Heiligen heimholt.

Abschied vom Land an Rott und Inn

Viele Wege in diesem Land ist er gewandert, immer mit dem Rosenkranz in der Hand. Auch bei der Bauernarbeit wollte er keinen Hut tragen. ER meinte, das vertrage sich nicht mit der Gegenwart Gottes. Die reifen Felder und die blanke Sense, die Bauernwagen mit den kraftvollen glänzenden Pferden davor, der seit Generationen gedüngte und bearbeitet Boden, die gepflegten Wiesen, die Obstbäume, das Gartl vor dem Haus, der Anger: das war seine Heimat. Zwei Jahrzehnte gewiss war es die Heimat. Dann kam ein Jahrzehnt, wo seine Gedanken weggingen. Eine Volksmission, die erste nach der Säkularisation, 35 Jahre nach dem Verbot solcher religiöser Aufzüge, gab ihm zu denken. Die Annakirche in Ering am Inn war der Schauplatz seiner Besinnung. Es muss die Begegnung m Franz Dullinger gewesen sein, in Predigt und Beichte.

Zehn Jahre vergingen, in denen er seine geistlichen Übungen machte: Beichte und Kommunion alle acht oder vierzehn Tage, dazu den Fünf-Stunden-Weg hin und zurück, am Nachmittag auch noch Gebet. Als die zehn Jahre um waren, unterschrieb der Hans eine Erklärung, in der er auf alles Hab und Gut verzichtete: auf sein Hofrecht verzichtete er zugunsten seiner Geschwister; ein Viertel seines Kapitalanteils am Hof stiftete er für die Erweiterung des Friedhofs in Weng, das zweite Viertel gab er für die Armen der Pfarrei; das dritte Viertel bekam der Bonifatius-Verein für die Diaspora; das letzte Viertel, die letzten 2500 Gulden gab er dem Pfarrer von Laufen für den Ludwig-Missions-Verein.

So ließ er die Heimat hinter sich und ging ins Kloster. Die Kapuziner in Altötting waren sein Ziel. Sie waren ihm nicht gerade unbekannt. Nun sollen sie seine neue Familie werden. In seiner Kammer auf dem Venushof hielt er eine förmliche Familienversammlung und verabschiedete sich mit einer Rede von den Geschwistern und dem Gesinde des Hofes.

Bei den Kapuzinern hat er nie eine Rede gehalten. Altötting, Burghausen, Laufen, das waren die ersten Stationen seines Ordenslebens. Armut, Gehorsam und Keuschheit, das sind die biblischen Ideale, die im Evangelium geschrieben stehen, die in der Regel und im Leben des heiligen Franz von Assisi neu entdeckt sind, die von einem ganzen Orden mitgetragen und von jedem einzelnen neu gewagt werden müssen.

Ganz aus Beten zusammengesetzt

Schon als der Hansl in die Schule ging, fiel auf, dass er einen besonderen Hang zum Beten hatte. Es scheint, dass der Vorhang, der uns von dem anwesenden Gott trennt, von Anfang an bei diesem Menschen ganz dünn, fast durchsichtig war. Wie soll man sich sonst erklären, dass es ihn ständig zur Zwiesprache mit Gott trieb? Als er seine eigene Kammer im Venushof hatte, da wurde sie wie zu einer Hauskapelle durch den Altar, den er sich aufbaute. Viele Nächte brauchte er kein Bett, weil er davor kniete, um zu beten. Als Zwanzigjähriger begann er damit, alle Wochen oder alle zwei Wochen fünf Stunden weit zu einem Beichtvater zu gehen - von Parzham nach Aigen am Inn - nüchtern und betend, dort zu beichten, die heilige Messe zu "hören" (wie man damals sagte) und ebenso nüchtern und betend wieder heimzugehen. Wo er ging und stand, fühlt er sich dem gegenwärtigen Gott ausgeliefert.

Die stummen Zeugen des betenden Kapuzinerbruders in Altötting sind heute noch zu sehen: die Alexiuszelle, ein Schlupfloch der Einsamkeit mit dem Herrn im Sakrament des Altares. Heute stapeln sich Briefe von Bittstellern in diesem winzigen Raum - Bittsteller die ahnen, dass der Heilige besser beten kann und dass sein Gebe nicht erloschen ist, weil es immer schon vom Ewigen entzündet war Die Gruft unter dem Altarraum der Kirche sah ihn bei flackernden Kerzenlicht halbe Nächte lang im Fürbittgebet für die Mitbrüder die vor ihm hier ihre letzte Ruhestätte bekommen hatten.

Die Gnadenkapelle mit dem geheimnisvollen Bildnis, dem schwarzen, dem reich geschmückten, dem silbergerahmten, im Kerzenlicht schimmernden, mit dem Bildnis der Gottesmutter Maria: zweimal am Tag erschien er hier gewöhn-lich. Am Morgen ministrierte er hier bei der ersten heiligen Messe, die längste Zeit des Jahres vor Tag und Tau, nur das leise Gemurmel des zelebrierenden Priesters in Ohr, die Arme ausgespannt von der Wandlung bis zum Paternos-ter ehrfürchtig dem Leiden und Kreuzestod des Herrn ergeben. Hier war es, dass einige Beter einen Kranz von glitzernden Sternen um sein Haupt gese-hen haben. Andere haben beschworen, dass sie etwas wie glänzende Kugeln haben aufsteigen sehen vom Mund des betenden Bruders zum Bild der Gna-denmutter.

Die Mittagspause, wenn ihn ein Mitbruder beim Pfortendienst ablöste, gehörte wieder dem stillen Gebet in dem Heiligtum, das durch die Jahrhunderte zur Herzkammer und Betkammer des bayerischen Volkes geworden ist.

So steht die Silberfigur des Heiligen neben dem Altar wie ein Denkmal anbetender Ehrfurcht und trauter Zwiesprache für einen, der die Nähe des lebendigen Gottes gespürt hat wie unsereiner Hunger und Durst spürt.

Absender: Bruder Konrad

Aus den Briefen des Heiligen

1864: Es war Gottes Wille: ich musste alles verlassen, was mir lieb und teuer war. Ich musste meinem Berufe nachkommen. Ich konnte nicht anders.

1870: Übrigens kann ich euch nichts Gutes schreiben, wie es jetzt aussieht. Darum schweige ich lieber ganz. Ich bitte Euch, dass Ihr ja recht fleißig betet; es tut gewiss recht not. Dass der liebe Gott uns verschonen möchte

. 1872: Sie wollen wissen, wie ich es mache... Meine Lebensweise besteht nun meistens darin: Lieben und Leiden im Staunen und Anbeten und Bewundern der namenlosen Liebe zu uns armen Geschöpfen. In dieser Liebe meines Gottes komme ich an kein Ende. Da hindert nichts. Da bin ich immer mit meinem lieben Gott auf das innigste vereinigt. Auch bei meinen vielen Geschäften bin ich oft umso inniger mit ihm vereinigt.

Und die Mittel, die ich gebrauche, mich in der Demut und Sanftmut zu üben, ist kein anderes als das Kreuz. Dieses ist mein Buch. Nur ein Blick auf ein Kreuz lehrt mich in jeder Gelegenheit, wie ich mich zu verhalten habe.

1872: Ihm wollen wir uns ganz schenken, dem lieben guten Himmelvater. Den wollen wir recht lieben. 0, unsere Liebe soll groß sein. Sie soll immer größer werden; denn da gibt es keinen Stillstand. Ja, unsere Liebe muss zu einer hel-len Flamme werden, die alles verzehrt, was uns nicht inniger mit ihm vereinigt und im Verkehr, mit ihm umzugehen, hindern könnte. Es ist genug. Da komme ich an kein Ende.

1873: Und bemühen wir uns recht, ein innerliches, in Gott verborgenes Leben zu führen; denn es ist ja gut, mit dem lieben Gott umzugehen.

Wenn wir wahrhaft innerlich sind, so wird uns nicht hindern - auch mitten in den Geschäften, die unser Beruf mit sich bringt. Das ist ja oft mein einziger Kummer, dass ich so wenig ihn liebe. Ich möchte ein Seraph der Liebe sein. Ich möchte gar oft alle Geschöpfe anrufen, dass sie mir doch meinen lieben Gott lieben helfen. Ich muss schließen. Ich komme zu weit. Die Liebe hat keine Grenzen.

Konrad war kein schreibender Heiliger. Die wenigen Briefe, die wir von ihm haben, sind karg, auch ein wenig hilflos. Das Schweigen ist ihm lieber als das Reden und das Schreiben. Sein täglich treues Leben redet und erläutert zu seiner Zeit, was sein Ordensvater, der heilige Franz von Assisi gesagt hat: "Der ganze Mensch zittere, es erbebe die gesamte Welt, und der Him-mel frohlocke, wenn Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, auf dem Altar in den Händen des Priesters ruht ... Seht, Brüder, die Demut Got-tes und gießt aus vor ihm eure Herzen. Verdemütigt auch ihr euch, da-mit ihr von ihm erhöht werdet. Behaltet also nichts von euch für euch zu-rück, auf dass derjenige euch ganz in Besitz nehme, der sich euch ganz mitteilt!"

Auch über seine Liebe zur Gottesmutter gibt es nur einen Satz, den er in seinem Probejahr als elften und letzten Vorsatz in seinen Lebensplan geschrieben hat: Punkt 11. Ich will mich immer bestreben, eine innige Andacht zu Maria, der seligsten Jungfrau, zu haben und mich recht bestreben, ihren Tugenden nachzufolgen. - Sonst gibt es nur die Blumen, die er aus dem Garten geholt und vor der großen Figur der Gnadenmutter mit den vielen Rosenkränzen im Klostergang aufgestellt hat. Sie sind längst verwelkt und vergangen. Was aber weiter blüht und in jeder Generation Glaubender neu gedeiht, ist das unergründliche Vertrauen der Kinder zu ihrer Mutter, ist der geheimnisvolle Antrieb der Kirche - den Zugvögeln gleich - die Mutter des Herrn aufzusuchen.

Es hat den ungeübten Briefschreiber Bruder Konrad sicher viel gekostet, als er aus sich herausließ: Ich möchte gar oft alle Geschöpfe anrufen, dass sie mir doch meinen lieben Gott lieben helfen. - Das ist die verschwiegene Art, den Sonnengesang des heiligen Franz ins Niederbayerische zu übertragen. Dichten und Singen liegt dem Rottaler Bauernsohn nicht; aber wozu die Geschöpfe alle da sind, das weiß er so gut wie der heilige Franz.

Vom heiligen Franz hat ein Zeitgenosse geschrieben: totus non tam orans quam oratio factus: nicht so sehr ein Betender, eher selber ganz Gebet. Nichts anderes wollte ein Zeuge im Prozess um die Heiligsprechung von Bruder Konrad sagen mit seinem Wort: Er war ganz aus Beten zusammengesetzt.

Der Pförtner von St. Anna in Altötting

Mit 34 Lebensjahren ist einer ein erwachsener Mann. Nach zwei Jahren als Anwärter und einem weiteren Jahr als Novize ist einer noch nicht sehr erfahren im Ordensleben. Für den Pförtnerposten beim wichtigsten Kloster der Bayerischen Kapuzinerprovinz bestellt man keinen Neuling. Es fiel auf, dass Bruder Konrad gleich nach seiner Aufnahme in den Orden diesen Dienst zugeteilt bekam. Das spürte er. Und er hatte Angst. Nicht wegen des Zwölf-Stunden-Tages und der vielen Laufereien; eher schon deswegen, weil ihm zu wenig Zeit zum Beten bleiben könnte; mehr noch wegen der vielen Menschen, die kommen und gehen: ob er sie richtig nehmen kann? Ob er das Kloster richtig vertreten kann? Ob er das Rechte mit den Menschen reden kann - nicht zu viel, nicht zu wenig? Mehr als 41 Jahre lang ist er Pförtner geblieben, bis er, im 76. Lebensjahr, seinem Hausoberen sagte: "Pater Guardian, jetzt geht's nimmer."

Für Handwerksburschen und Durchziehende

Damals wechselten die jungen Handwerksgesellen gerne ihren Meister und zogen von Ort zu Ort, um die Welt - auch ihr Handwerk besser kennenzulernen. Beim Klosterpförtner bekamen sie Brot und Suppe, auch Bier - und eine gute Lehre und Mahnung. Viele nahmen ein Erlebnis mit, das sie ihr Lebtag lang nicht vergaßen: das Vaterunser, das der Bruder mit ihnen betete; die brüderliche Sorge, die väterliche Güte, das aufrichtende Wort; die selbstverständliche Geduld, die tagtägliche Treue.

  • Einer von ihnen hat später mit seiner Familie jeden Abend ein Vaterunser gebetet "für den Bruder Konrad!" - weil der so gut beten konnte.
  • Einer von ihnen hat ihn zwanzig Jahre nach seinem Tod um Hilfe angerufen für sein Kind, das nicht gehen und stehen konnte: augenblicklich war es geheilt.
  • Einer von ihnen beichtete als alter Mann im Gefängnis unter Tränen: "Ich bin der grobe Mensch, der vor fünfzig Jahren dem Bruder Konrad die Suppenschüssel vor die Füße geworfen hat: Die kannst selber fressen!" Und er hat bloß gesagt: "Gell, du magst sie nicht. Wart, ich bring dir eine andere."
  • Diener der Armen


    Aus dem Film "Bruder Konrad - Der heilige Pförtner von Altötting". Autor: Marius Langer. Bayerischer Rundfunk 1999.

    Es gab Leute genug, die nicht verdienen konnten, was sie zum Leben brauchten. Die Kapuziner teilten mit ihnen. Und der Bruder an der Pforte schnitt das Brot ab, schöpfte die Suppe, schenkte das Bier aus, beschenkte die Kinder, ließ keinen ungetröstet gehen. "Was man den Armen gibt, das kommt allemal wieder herein." Diese Lebensweisheit hat Konrad sicher schon daheim auf dem Venushof gelernt. So etwas lernt man an den Rockschößen der Mutter. Ein Leben im Orden kann solcher Erfahrung nichts hinzufügen. Über das E-vangelium kommt niemand hinaus. Obwohl er seine Augen fast immer halb geschlossen hielt, gab ihm Gott den Blick für das Herz des Menschen. Eine Bemerkung des Bruders an der Pforte von St. Anna hat manchen in den Beichtstuhl geführt, manchen tief erschreckt, manchen fürs Leben aufgerichtet.

    Zwischen innen und außen

    Wer von den Kapuzinern etwas begehrt, der zieht an der Pfortenglocke. Dann erscheint - wie in einem Schaufenster - der Pfortenbruder. Der erste und oftmals der einzige Kapuziner, den er zu sehen bekommt, ist der Pfortenbruder. Für ihn ist das ganze Kloster so, wie der Pförtner ist.

    Das Kloster ist kein Haus der offenen Tür. Du kommst nur hinein wenn dir der Bruder aufschließt. Innen ist eine andere Welt als außen. Sobald du über die Schwelle gehst, bist du aufgenommen; du bleibst nicht außen stehen. Einer muss wissen, wen er einlassen darf. Das ist der Pförtner.

    Du öffnest dein Innerstes nicht jedem Menschen auf der Straße und in der Eisenbahn. Du schaust, wem du trauen kannst. Du bist der Pförtner deines Herzens. Du solltest immer sicher sein, wann die Tür deines Herzens geschlossen bleiben muss und wann du sie öffnen musst. Da ist es gut, einen Patron zu haben, einen Heiligen, der drüber steht, der einem die Hand führt, wenn's nottut. Das ist der heilige Pförtner von Altötting, Bruder Konrad.

    Der Schlüssel ist innen

    In einem alten Professbuch der Kapuziner von Altötting steht die Unterschrift des Heiligen immer wieder zu lesen. Zum letzten Mal hat er als Zeuge der Gelübdeablegung unterschrieben am 7. November 1892: "Br. Konrad, Pf. Weng." Ein paar Seiten weiter steht die Erklärung: "Ich, Bruder Baldomer, weltlich genannt Peter Lautenschlager von Steiniglohe, ehelicher Sohn des Michael Lautenschlager und dessen Ehefrau Margaretha, geb. Stubenvoll, habe heute früh 7 Uhr den 30. Oktober 1893 die einfache Profess abgelegt und habe bei meiner Profess von der päpstlichen Dispense bezüglich Unterbrechung des Noviziates, freiwilligen Gebrauch gemacht." Mit der Unterbrechung des einjährigen Noviziates hat es eine eigene Bewandtnis. Bruder Baldomer, der am 14. April 1943 im Kapuzinerkloster St. Anna in München verstorben ist, hat die Geschichte oft erzählt:

    Eines Tages hat es dem Bruder Baldomer nicht mehr gepasst im Noviziat bei den Kapuzinern. So hat er den Entschluss gefasst, einfach wegzugehen. Wie er zur Tür hinaus will, steht da der Pförtner, Bruder Konrad. Der alte Mann stellt sich dem jungen, kräftigen Burschen, der im Leibregiment des Königs gedient hatte, in den Weg: "Bleib doch da!" Aber der schiebt ihn weg, entschlossen, zu seinem Hauptmann in München zu fahren. Bruder Konrad kann ihm gerade noch nachrufen: "Du wirst bald wieder da sein!" Der junge Mensch hatte den Finger an der Hausglocke der Wohnung seines ehemaligen Hauptmanns. Dann ist er umgekehrt. Der heilige Pförtner hat ihn wieder eingelassen. Hernach ist er geblieben bis zum Sterben.

    Hüter der Schwelle

    Bruder Konrad gehört jetzt in eine Welt, die der unseren überlegen ist. Sein Pförtneramt ist verewigt mit ihm. Wir dürfen denken, der Schlüssel zu der Tür, hinter der Gott wohnt, ist in seiner Hand. Das Gebet ist die offene Tür zwi-schen Gott und dem Menschen. Stille und Schweigen bilden den Rahmen, in den die Tür gehängt ist. Buße ist der Schlüssel zum Offnen. Und das Sterben ist der letzte Schritt über die Schwelle, hinter der Gott wohnt im unzugänglichen Licht. Immer noch und immer wieder und jeder auf seine Weise brau-chen wir den Hüter der Schwelle, damit die vielen Übergänge gelingen und schließlich der letzte Schritt.

    Wie Gott will - Br. Konrad geht heim

    So hat Bruder Konrad gesagt, als er zum Sterben auf dem Bett lag, keuchend um Atem kämpfend, und von seinem Guardian gefragt wurde, ob er Angst habe vor dem Sterben: "Wie Gott will." Das könnte eine abgegriffene Formel klösterlicher Frömmigkeit sein; aber im Angesicht des Todes ist nichts mehr abgegriffen; da kommen die letzten Reserven zum Zug, da erweist sich das Echte, was im Leben herangewachsen ist.

    Für Konrad erfüllte es sich wörtlich. Der Herr wollte nämlich, dass wir ihm entgegengehen "mit brennender Lampe in der Hand und den Gürtel um die Hüften". Wörtlich genauso stand Konrad im Rahmen der Tür seiner Sterbezelle, nach vorne gebeugt und bereit an die Pforte zu gehen, als gelte es, den allerletzten Besucher einzulassen. Man legte ihn sorgsam auf das Bett. Nach etwa einer Stunde tat er den letzten Atemzug. In dem Augenblick fingen die Glocken von Altötting an, den Gruß an die Gottesmutter zu läuten: "Freu dich, du Himmelskönigin, alleluja - den du zu tragen würdig warst, alleluja, er ist vom Tod erstanden, wie er vorhergesagt, alleluja. Bitt Gott für uns, Maria."

    Es war der 21. April 1894, Samstag vor dem vierten Sonntag nach Ostern.

    Nach altem Brauch wurde der Leichnam in der "schmerzhaften Kapelle" aufgebahrt. Die Leute kamen, so viele wie bei keinem Kapuziner sonst. Sie weinten, sie beteten, sie schnitten sich aus seinem Habit ein Stück heraus. Schließlich holte man den Fotografen, damit die vielen Leute Bilder haben konnten. So entstand das einzige Bild, echtes Bildzeugnis von dem Heiligen auf der Totenbahre. Noch im Tod betet er. Der Friede im Willen Gottes liegt über dem Antlitz mit den geschlossenen Augen. Der Mund des lebenslang verschwiegenen Mannes ist vom Bart der Oberlippe verschlossen. Sein Schweigen ist Beten.

    Ruhe strömt aus dem Bildnis dieses Heiligen: wie Gott will.

    "Wir müssen unserer Persönlichkeit eine Atmosphäre schaffen, in der sie als Persönlichkeit atmen, leben und reifen kann: Die Atmosphäre des persönlichen Gebetes. Einer, der uns in seinem Leben und auf seine Art dies eindrucksvoll vor Augen führt, ist der heilige Bruder Konrad von Altötting. Weil er sich die Kraft zu ungeheuchelter, tätiger Nächstenliebe vorzüglich aus den Quellen des Gebetes und der Innerlichkeit holte, hat er den Menschen, den Christen unserer Tage etwas auszurichten und zu künden."

    Antonius Hofmann, Bischof von Passau (1969)