Bruder Konrad
Bruder Konrad von Parzham
Der heilige Kapuziner an der Klosterpforte von Altötting

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Symbol gegen den Zeitgeist - gestern wie heute

Pfingstsonntag 1934. In Deutschland hat sich, über ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers die Herrschaft des Nationalsozialismus etabliert. Mit ihr konnte auch die Ideologie vom Herrenmenschen, verbunden mit dem Wahn von der Überlegenheit der arischen Rasse, rasch um sich greifen. Die Deutschen wurden angeleitet, zwischen edlen germanischen Menschen und asozialen, minderwertigen "Untermenschen" zu unterscheiden.
In diese geistige Landschaft hinein stellte Papst Pius Xl. mit der Heiligsprechung von Bruder Konrad, einem einfachen Pförtner im Kapuzinerkloster St. Anna in Altötting, ein Idealbild, das dem Bild des germanischen Übermenschen so völlig entgegengesetzt war. Der Rottaler Bauernsohn und Hoferbe Johannes Birndorfer hatte die eigene Scholle verlassen und war ein armer Kapuziner geworden. Für ihn war nicht das Herrschen, sondern das stille Dienen der Inhalt seines Lebens. Er achtete alle Menschen, die an seine Pforte kamen, als Brüder, besonders wenn sie arm waren oder von anderen zum "Abschaum" der Menschheit gezählt wurden: raue Handwerksburschen, entlassene Zuchthäusler, Geisteskranke. "Untermenschen" gab es für ihn nicht.

Die Heiligsprechung dieses Konrad von Parzham, die in einem vorher kaum gekannten feierlichen Rahmen am Pfingstsonntag 1934 stattfand, nahm der Papst zum Anlass, vor rund 5000 deutschen Pilgern dem deutschen Volk ins Gewissen zu reden und es vor unheilvollen Entwicklungen zu warnen: "Wir beglückwünschen ganz Deutschland, ganz besonders aber Bayern, in einer so ernsten, geschichtlich bedeutsamen Stunde...", sprach PIUS XI., "gerade in einer Stunde, da solche Gärung der Ideen und Bestrebungen herrscht, solches Vorwärtsstürmen und Auf Abwege-Kommen, von nicht bloß starken, sondern man kann sagen sturzbachartigen Strömungen." Bruder Konrad, der kleine, demütige Kapuziner, war für die Kirche zum Gegensymbol gegen die sturzbachartigen Strömungen des Nationalsozialismus geworden.

Johannes Birndorfer war am 22. Dezember 1818 als elftes von zwölf Kindern des "Venusbauern" Bartholomäus Birndorfer in Parzham zur Welt gekommen. Er wuchs in einer frommen und friedliebenden Familie auf. Mit sechs Jahren kam er zur Schule. Auf dem halbstündigen Fußweg dorthin hat er, so wird berichtet, die anderen Kinder bereits zum Rosenkranzgebet angehalten. Auch soll er sich nie an einer Rauferei beteiligt haben, weshalb die Leute bald von ihm sagten: "Er ist ein Engel!"

Nun mögen die späteren Zeugenaussagen über die Kindheit und Jugend des Birndorfer Hansl etwas verklärend ausgefallen sein. Soviel scheint jedoch wahr zu sein, dass er sich in jungen Jahren bereits durch eine außergewöhnliche Frömmigkeit, durch Lebensernst und innere Sammlung ausgezeichnet hat.

Als Johannes 14 Jahre alt war, starb seine Mutter, zwei Jahre später sein Vater. Da wurde er ausersehen, den stattlichen Venushof zu übernehmen und Bauer zu werden.

1838 war in Ering am Inn eine Volksmission. Der 20jährige Johannes ging den sechsstündigen Weg dorthin, um Predigten zu hören und die Sakramente zu empfangen. Von dem Zeitpunkt an war er noch ernster, gesammelter und schweigsamer. Vermutlich trug er sich von da an mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen. In dem Benefiziaten Franz Xaver Dullinger an der Wallfahrtskirche St. Leonhard in Aigen am Inn fand er einen einfühlsamen Seelenführer, zu dem er von 1840 bis 49 alle acht bis vierzehn Tage ging. Die fünf Stunden Fußweg legte er nachts zurück, um bei ihm zu beichten. In diesen neun Jahren reifte in Johannes der Entschluss, auf eine Zukunft als Venusbauer zu verzichten und im Kloster ein seiner Natur entsprechendes zurückgezogenes Leben zu führen. Auf Vermittlung von Dullinger kam er im September 1849 zu den Kapuzinern nach Altötting und wurde dort, am größten deutschen Marienwallfahrtsort, als Kandidat aufgenommen. Er erhielt den Namen Konrad und wurde dem Pförtner als Gehilfe zugeteilt, was er eineinhalb Jahre lang blieb. Dann kam er nach Burghausen, wo er einen kranken Pater pflegen sollte. Im September 1851 begann Br. Konrad in Laufen a. d. Salzach das Noviziat, das er ein Jahr später mit der Profess beendete.

Nun kam er wieder nach Altötting, wo ihm sogleich das Amt des Pförtners an "Deutschlands schwierigster Klosterpforte" übertragen wurde. Es war ein verantwortungsvolles und äußerst anstrengendes Amt, das ihm ständig bis zu 16 Stunden täglich höchste Arbeitsleistung und beständige Selbstaufopferung abverlangte. Seiner Vorstellung von einem stillen, zurückgezogenen Ordensleben entsprach es ganz und gar nicht. Doch Br. Konrad verstand es, in der Hektik seiner Arbeit ein stiller Beter zu bleiben.

Die äußeren Stationen seiner Biographie könnten an dieser Stelle abgeschlossen werden, denn Br. Konrad blieb bis zu seinem Tod an der Pforte des St. Annaklosters. Es waren 41 Jahre des Gebets, der Pflichterfüllung, des demütigen Dienstes an den Menschen, die an seiner Pforte läuteten - bis zu 200 Mal am Tag -, und es waren Jahre des Leidens, denn Br. Konrad war Asthmatiker und hatte außerdem oft unerträgliche Magenschmerzen. "Das Kreuz ist mein Buch", schrieb er einmal an eine Terziarin (Angehörige des Dritten Ordens). "Ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Gelegenheit, wie ich mich zu verhalten habe. Da lerne ich Geduld und Demut, Sanftmut und jedes Kreuz mit Geduld zu ertragen. Ja, es wird mir süß und leicht." Geduld, Demut und Sanftmut. Diese drei Charaktereigenschaften oder Tugenden haben Br. Konrad besonders ausgezeichnet.

Geduld brauchte er bei seinem Dienst als Pförtner besonders. Häufig musste er Patres, die an der Pforte verlangt worden waren, in dem weitläufigen Haus, in dem es damals weder Telefon noch Signalglocke gab, suchen. Doch schien er besondere Gnadengaben gehabt zu haben, die ihn jeden Mitbruder schnell finden ließen. Ein Pater berichtete, dass er sich einmal, um ungestört seine Predigt einstudieren zu können, unbemerkt in den Glockenturm auf dem Dachboden verkrochen habe. Plötzlich habe ihm der Pförtner gerufen: "Pater Vinzenz, kommen sie herunter, es will jemand bei Ihnen beichten!"

Die Geduld des Heiligen getestet haben einmal Kinder, die zu Br. Konrads besonderen Lieblingen gehörten. Neunmal hintereinander haben sie ihn zum Spaß herausgeläutet. Immer wieder öffnete Br. Konrad, gütig und ruhig wie immer. Schließlich sagte er: "Seid's halt Buben! Macht nix! I geh' in Gottes Namen noch zwanzigmal raus. I hab' aber a andere Arbeit a noch, versteht's mi', Buben!

Er war immer sanftmütig. An ein böses Wort aus seinem Mund konnte sich keiner erinnern, der je mit ihm zu tun hatte. Überliefert wird die Geschichte von einem Bettler, der am Nachmittag an der Pforte um Essen bat, wie es täglich viele andere auch taten, die vom Pfortenbruder liebevoll bedient wurden. Br. Konrad brachte ihm, da nichts anderes mehr in der Küche war, etwas Suppe. Der Bettler kostete sie und warf die Schüssel samt Inhalt dem Pförtner vor die Füße. "Die kannst du selber fressen!" bemerkte er dazu. Br. Konrad hob die Scherben auf und sagte: "Gell, du magst sie nicht, ich hol' dir eine andere!"

Eines Tages kamen etwa 1200 Pilger aus München, die traditionsgemäß an der Pforte mit Brot und Bier bewirtet wurden. Ein neuer Hausoberer wollte den Brauch abschaffen und verbot Br. Konrad den Ausschank des Klosterbiers. Da entlud sich der Zorn der Wallfahrer über Br. Konrad. Dieser ertrug die Beschimpfungen stillschweigend und sagte nicht, dass die Anweisung von seinem Oberen gekommen war.

"Das ganze Wesen des Bruder Konrad atmete Demut", bezeugte ein angesehener Mann im Seligsprechungsprozess, "die Demut war seine Haupttugend".

Br. Konrad war auch ein großer Schweiger. Er vermied jedes unnütze Wort. Im Noviziat hat Br. Konrad elf Vorsätze für sein Ordensleben niedergeschrieben. Der fünfte Vorsatz lautete: "...Im Reden will ich immer sehr sparsam sein und mich hierin vor vielen Fehlern bewahren, um mit Gott desto besser reden zu können."

Br. Konrad schien fast unablässig zu beten, mit Gott zu reden. Jeden freien Augenblick verbrachte er anbetend in der Alexiuszelle, einer engen Kammer unter der Stiege, von der aus er durch eine Maueröffnung auf den Hochaltar blicken konnte. Nachdem es ihm seine Arbeit tagsüber nicht erlaubte, am gemeinsamen Gebet der Klosterfamilie teilzunehmen, stand er jede Nacht, obgleich er dies nicht musste, zum mitternächtlichen Chorgebet auf. Anschließend ging er viele Jahre lang in die Kapuzinergruft hinab und betete den Rest der Nacht dort unten für die verstorbenen Mitbrüder, bis ihm ein Oberer dies untersagte.

Der Ort, an dem jedermann den heiligen Pförtner beim Gebet beobachten konnte, war die Altöttinger Gnadenkapelle, in der er über 40 Jahre lang täglich bei der Frühmesse um 5 Uhr ministrierte. Mehrere voneinander unabhängige Zeugen haben beeidigt, dass sie dabei unbegreifliche Dinge gesehen haben. In Form feurig glänzender Kugeln oder auch leuchtender Goldfunken sei aus Br. Konrads Mund die mystische Glut seines Innern zum Gnadenbild der Gottesmutter emporgestiegen. In der Kapelle sei es dabei wunderbar hell gewesen. Und einmal sollen alle Kapellenbesucher einen Kranz glänzender Sterne über dem Haupt des betenden Bruders gesehen haben.

Wie immer diese Zeichen zu deuten sein mögen, im gläubigen Volk verstärkten sie den Ruf der Heiligkeit, den der Pförtner des Annaklosters bei den Leuten längst besaß. Und als Br. Konrad am 21. April 1894 mit 76 Jahren verstarb, war es den Altöttingern und allen, die ihn kannten, klar, dass ein Heiliger von ihnen gegangen war. Das gläubige Volk war es dann auch, das mit seiner Verehrung des Pfortenbruders, die bald von Gebetserhörungen begleitet wurde, die Kapuziner zur Einleitung des Seligsprechungsprozesses bewegte, der 1912 begann. Am Dreifaltigkeitssonntag 1930 bereits war er abgeschlossen, und Papst Pius XI. sprach den einfachen Pfortenbruder selig. Vier Jahre später nahm er ihn in das Verzeichnis der Heiligen auf.

75 Jahre nach diesem Ereignis hat der stille Beter und pflichtbewusste, selbstvergessene, demütige Ordensmann auch unserer Zeit viel zu sagen. So wie 1934 seine Demut und Bescheidenheit dem Zeitgeist des germanischen Herrenmenschentums entgegengestellt wurde, so könnte für uns heute Br. Konrad sehr wohl ein Gegensymbol sein gegen den Zeitgeist der Hektik und Betriebsamkeit, gegen den Zeitgeist des Konsums und Lebensgenusses, gegen den Zeitgeist der Kinderfeindlichkeit und gegen den Zeitgeist eines immer selbstverständlicher werdenden Lebens ohne Gott.

Karl Grüner