Bruder Konrad
Bruder Konrad von Parzham
Der heilige Kapuziner an der Klosterpforte von Altötting

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Bruder-Konrad-Jahr 1934
Bruder-Konrad-Jahr 2004

Für die bayerischen Kapuziner, für Altötting und für unsere Pfarrei St. Philippus und Jakobus ist heuer ein besonderes Jahr:

Am 21. April jährt sich der Todestag des hl. Bruders Konrad zum 110. Mal, und am 20. Mai werden es 70 Jahre her sein, seit der Pförtner des Altöttinger Kapuzinerklosters St. Anna durch Papst Pius XI. in Rom feierlich heiliggesprochen wurde.

Es leben noch viele unter uns in Altötting, die dieses Ereignis selbst erlebt und in Erinnerung haben, besonders die großen Feiern, die aus diesem Anlass in Altötting stattgefunden haben. Vielleicht sogar noch der oder die eine oder andere, die damals zur Heiligsprechung nach Rom reisen durften. Ins Ausland reisen zu können, zumal nach Rom, war ja nicht selbstverständlich, damals, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Da gab es schon Schikanen und Erschwernisse von Seiten des Staates, der ja alles andere als kirchenfreundlich war, und dem es nachgerade peinlich vorgekommen sein muss, dass da ausge-rechnet ein "Bet- und Bettelbruder" der Welt als Repräsentant Deutsch-lands und als Vorbild vor Augen gestellt wurde. Die Vorbilder der dama-ligen Machthaber sahen ja ganz anders aus.

Trotz aller Schwierigkeiten waren rund 5000 deutsche Katholiken an diesem 20. Mai, dem Pfingstfest 1934, nach Rom gekommen, unter ihnen nicht wenige Altöttinger, unter anderem Stiftspropst Franz Xaver Konrad mit mehreren Kanonikern, der Druckereibesitzer und Träger des Päpstlichen Sylvesterordens, Josef Geiselberger, der Träger des Päpstlichen Gregoriusordens, Ökonomierat Hans Mayer (nachmals Bürgermeister und Landtagsabgeordneter) und natürlich Altöttinger Kapuziner, zahlreiche Sodalen der Altöttinger Männerkongregation und mit ihnen allen Kardinal Faulhaber von München und weitere 14 deutsche Bischöfe. Nicht zu vergessen unter den Altöttinger Teilnehmern: der Altöttinger Bürgermeister Emil Walter Fandrey, der es sich - ungeachtet seiner Mitgliedschaft bei der NSDAP - nicht hatte nehmen lassen, an diesem für Altötting so bedeutenden Ereignis teilzunehmen. Er wurde bei dieser Gelegenheit sogar mit einem kleinen Kreis von Persönlichkeiten darunter ein Mitglied des Hauses Wittelsbach - von Papst Pius XI. in Privataudienz empfangen. Bei manchen seiner Parteigenossen in der Münchener Gauleitung wurde diese Tatsache übel vermerkt und sollte Jahre später, als Fandrey "in Ungnade" fiel und an die Ostfront "strafversetzt" wurde, einen wesentlichen Punkt in seinem "Sündenregister" darstellen.

Insgesamt füllten bei dieser Heiligsprechungsfeier 60 000 Menschen den Petersdom. Und zu gleicher Stunde wie die Weltkirche in Rom feierte das katholische Bayern das Ereignis in Altötting mit einem Gottesdienst in der Basilika und Feiern auf den festlich geschmückten Straßen der Stadt. Dazu war der päpstliche Nuntius in München als Hauptzelebrant gekommen, und rund 10000 Menschen von nah und fern.

Heiligsprechung Bruder Konrads ein "Gegenprogramm"

Wenn man heute alte Zeitungsbände aus dem Jahr 1934 mit den Berich-ten über die Ereignisse in Rom und in Altötting durchblättert, gewinnt man nur einen schwachen Eindruck davon, wie groß die Begeisterung der deutschen Katholiken über diese Ereignisse war. Und sie hatten al-len Grund dafür. Über ein Jahr waren die neuen Machthaber nun schon am Ruder, und was in dieser Zeit geschehen war, das hatte denen, die Augen und Ohren offen hatten, schon zur Genüge gezeigt, wohin "die Reise" gehen würde. Schon waren die ersten Konzentrationslager einge-richtet worden, zur "Umerziehung" Andersdenkender. Schon war die Pressefreiheit geknebelt worden, und schon hatte es die ersten massi-ven Übergriffe gegen die Kirche gegeben. Den Katholiken in Deutschland tat es gut, zu wissen, dass sie nicht vergessen waren. Die Heilig-sprechung des schlichten Pfortenbruders von Altötting war ein klares "Gegenprogramm" gegen die Ideologie des Nationalsozialismus.

Da ging es um zwei Menschen, deren Heimatorte fast in Sichtweite lagen, deren Vorstellungen vom Leben aber diametral verschieden waren: dort der an einem 20. April geborene Mann aus Braunau mit seiner braunen Uniform, dem verkrüppelten Kreuz, einem unstillbaren Machthunger und dem Traum vom deutschen Herrenmenschen, der sich die ganze Welt unterwirft, und hier der Bauer aus dem Rottal mit der braunen "Uniform" des heiligen Franziskus, der aus dem Kreuz Christi seinen ganzen Lebensplan herauslesen konnte, in dem es nicht um Macht und Herrschen ging, sondern um Verzichten und Dienen und Demut und Gehorsam, und der mit seinem Tod an einem 21. April fast auf den Tag ge-nau ebenfalls "Geburtstag" feiern kann, seinen "Geburtstag für den Himmel", wie man im katholischen Sprachgebrauch für den Sterbetag auch sagt. Es gäbe noch so manch andere frappierende

Schnittpunkte in den Lebenslinien dieser beiden Gestalten, nur jeweils mit entgegengesetzten Vorzeichen.

Wie bewusst die Katholische Kirche mit der Heiligsprechung des hl. Bruders Konrad ein Kontrastprogramm zum damals herrschenden Zeitgeist vorgestellt hat, das hat keiner deutlicher ausgesprochen, als der damalige Vatikanische Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der große Kenner und Freund Deutschlands und Bayerns und Altöttings und nachmalige Papst Pius XII., in seiner Abschiedsansprache an Pfingsten 1934 an die deutschen Rompilger, die zur Heiligsprechungsfeier gekommen waren, in der er unter anderem sagte:

"Glücklich das Bayerland, glücklich das Deutschland, dem in schwerer, von düsteren Wolken überschatteter Zeit einneuer Fürbitter an Gottes Thron ersteht und ein neu es Vorbild! Ein neuer Fürbitter in dem großen Geisteskampf gegen die Mächte der Finsternis ...Ein neues Vorbild christlichen Lebens in einer Zeit, wo laute und aufdringliche Diesseitspropheten versuchen, den Völkern die trügerische Fata Morgana einer Zukunft zu zeigen, die ihr Glück und ihre Größe nicht in Christus, sondern fern von ihm und gegen ihn suchen und finden soll..." Die große bayerische Bruder-Konrad-Feier hob sich Altötting für den Spätsommer auf. Sie sollte über zwei Wochen dauern, vom 25. August bis zum 9. September 1934.

Mittlerweile hatte sich freilich manches ereignet, das die Fronten geklärt hatte. Nur wenige Wochen nach der Heiligsprechung des Bruders Konrad in Rom hatten die neuen Machthaber in Deutschland Ende Juni in einer Blutorgie nicht nur mit innerparteilichen Gegnern "aufgeräumt", sondern in einem Aufwaschen auch zahlreiche Persönlichkeiten aus dem anderen politischen Lager und auch aus der Kirche verhaftet oder ermordet, wie zum Beispiel den Berliner Katholikenführer Dr. Erich Klau-sener. Und auch in Bayern und in Altötting war es zu heftigen, teils blutigen Auseinandersetzungen der neuen Machthaber mit der Kirche und mit kirchentreuen Persönlichkeiten gekommen, die das Passauer Ordinariat dazu veranlassten, den Altöttinger Stiftspropst und Stadtpfarrer Franz Xaver Konrad zu ermächtigen, die Hl. Kapelle zu schließen, "insbesondere dann, wenn ein Altöttinger Priester in der Wahrnehmung seiner seelsorglichen Pflichten verhöhnt, misshandelt oder in Haft genommen wird, wenn Wallfahrtszüge oder kirchliche Veranstaltungen gröblich gestört werden, sowie dann, wenn schwere öffentliche Ordnungsstörungen vorkommen, welche den Zustrom von Wallfahrern nach Altötting nicht tunlich erscheinen lassen". Immerhin hatte ein regionaler SA-Häuptling gelegentlich eines Appells auf dem Kapellplatz schon damit gedroht, "die ganze schwarze Brut bis auf den letzten Mann auszurotten".

Glanzvollstes Ereignis des Wallfahrtsortes

Nach dieser entschiedenen Warnung des Ordinariates an die Behörden konnte das Altöttinger Bruder-Konrad-Fest ungestört stattfinden.

Vom 25. August bis 9. September 1934 erlebte Altötting fast jeden Tag ein Großereignis: Am 25. und 26. August waren die Mitglieder des 3. Ordens aus ganz Deutschland eingeladen, nicht weniger als 12000 kamen; am 28. August waren es die Ordensmänner, am 29. die Ordensfrauen. Am 30. August war der große Kindertag, am 1. September waren die Bauern aus den Diözesen Passau, Regensburg, Bamberg und Würzburg, tags darauf die Bauern aus den anderen bayerischen Diözesen sowie aus den Bistümern Rottenburg, Freiburg und Speyer; am 3. und 4. September die Frauen aus ganz Bayern sowie den Bistümern Rottenburg, Freiburg und Speyer, darunter nicht weniger als 22 000 Bäuerinnen. Schließlich folgten die Tage der Jungfrauen und Mädchen, der Priester, der männlichen Landjugend und schließlich der Männer und Jungmänner aus den Städten. Einen eigenen Festtag hatte am 7. September die Pfarrei Altötting.

Höhepunkt war sicher der 8. September, das Fest Mariae Geburt, mit dem Abendgottesdienst des Münchener Erzbischofs Michael Kardinal Faulhaber und dessen unvergessener, mutiger Predigt vor 25000 Männern über das höchst aktuelle Thema "Licht und Finsternis - Christentum und Neuheidentum".

200000 Pilger in zwei Wochen

Im Nachhinein kann man sagen: Es hat in der ganzen Geschichte des Wallfahrtsortes Altötting kein glanzvolleres Ereignis gegeben als diese beiden Bruder-Konrad-Festwochen 1934, bei denen der Wallfahrtsort insgesamt 200 000 Pilger erlebte. Das war vor 70 Jahren, in einer schlimmen Zeit.

Unsere Zeiten sind anders

Wir leben in Freiheit, Christen werden - zumindest derzeit - nicht verfolgt. Die Kirche hat nicht zu leiden, es sei denn, am "Zeitgeist" unserer pluralistischen Gesellschaft. Und da ist es ja nicht so, dass ein Heiliger diese Gesellschaft allzu sehr beeindrucken würde. Und diese "Gesell-schaft" braucht anscheinend auch keine Vorbilder von der Art der Heiligen, anderen man sich orientieren, an denen man Halt finden kann.

Wenn es nach den "lauten und aufdringlichen Diesseitspropheten" unserer Zeit geht, wenn Deutschland heute "den Superstar sucht" , dann sind schrille Typen und schräge Vögel gefragt, aber weiß Gott keine Leute mit Prinzipien und Tiefgang. Und so wie diese "Vorbilder" mag einen hin und wieder auch unsere ganze Zeit anmuten: schräg und schrill und verkehrt.

Wie viele werden es heuer sein, die zu den Bruder-Konrad-Feierlichkeiten dieses Jubiläumsjahres 2004 kommen? Sicher keine 200000 wie vor 70 Jahren. Aber es wäre erfreulich, wenn viele Angehörige unserer Pfarrei die Einladung der Kapuziner zu den Bruder-Konrad-Feiern 2004 annähmen.

Peter Becker