Bruder Konrad
Bruder Konrad von Parzham
Der heilige Kapuziner an der Klosterpforte von Altötting

home > Die Botschaft des Bruders Konrad > Predigt Paul Hinder         

Predigt zum Festgottesdienst am 21. April 1994

Paul Hinder, Schweizer Kapuziner, seit 2005 Apostolischer Vikar von Arabien

Liebe Brüder und Schwestern,

Heilige stehen oft quer zu dem, was die Menschen um sie herum am meisten beschäftigt. Der Kapuzinerbruder Konrad von Parzham ist hierin keine Ausnahme. Manche seiner Zeitgenossen hatten schon damals Mühe mit seiner – wie sie meinten - unvernünftigen Radikalität. Was Wunder, wenn auch heutige Menschen ratlos vor diesem Heiligen stehen. Ein mehr als 60jähriger Laienbruder hat mir noch vor kurzem spontan bekannt, dass ihm der heilige Konrad Mühe bereite. Denn – so sagte er – seine Spiritualität sei doch die einer ganz anderen Zeit. Zudem habe er den Eindruck, Bruder Konrad werde nicht selten von jenen Kräften in Kirche und Orden vereinnahmt, die das Rad der Geschichte am liebsten 100 Jahre zurückdrehen möchten. Was ist davon zu halten?

Bruder Konrad wäre ein schlechter Heiliger, wenn er nicht ein Kind seiner Zeit gewesen wäre. Von ihm zu erwarten, er müsste in seiner Lebensart das vorweggenommen haben, was uns heute als Ideal erscheint, wäre verfehlt. Mit den Heiligen ist es wie mit einer Predigt: Sie ist umso besser, je mehr sie in der Sprache ihrer Zeit das Wort Gottes ausrichtet. Und die Heiligen fordern umso mehr heraus, je erd- und geschichtsnaher sie im persönlichen Leben das lebendige Wort Gottes auslegen. Darum äußert sich die Spiritualität der heiligen Klara, einer Adelstochter im Italien des 13. Jahrhunderts, anders als diejenige von Bruder Konrad, einem Bauernsohn im Bayern des 19. Jahrhunderts. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Die Frömmigkeit von Madeleine Delbrel, die nach ihrer Bekehrung aus dem Atheismus im Arbeitermilieu einer Pariser Vorstadt weltoffen von Christus Zeugnis ablegt, äußert sich anders als die Geistigkeit der Theresia von Lisieux in der strengen Klausur ihres Karmel. Auch die Heiligen haben ihre je eigene, oft eigenwillige Sprache und Ausdrucksweise.

Wir feiern heute dem 100. Todestag von Bruder Konrad. Wir tun dies aber ganz gewiss nicht, um verwundert vor einer geistigen Mumie aus dem letzten Jahrhundert stehen zu bleiben. Vielmehr wissen wir aus dem Glauben um seine lebendige Gegenwart, durch die er auch heute zu uns sprechen will. Er ist und bleibt eine Herausforderung an uns. Zwar ging er seinen ihm zugedachten Weg nicht in der Meinung, alle andern müssten es genau gleich machen. Aber so, wie er ihn gegangen ist, hat er schon damals zu denken gegeben: den Menschen, die an die Pforte des Klosters kamen, aber auch seinen Mitbrüdern, die damals wie heute eher zurückhaltend auf Heilige in den eigenen Reihen reagieren.

Wir könnten im Leben Von Bruder Konrad mühelos einige Provokationen ausmachen, die quer zum heutigen Wertempfinden stehen. So dürften einige seiner elf Professvorsätze manchem von uns sauer aufstoßen. Warum! Weil sie einer zeitgebundenen Spiritualität entstammen und darum schwer nachvollziehbar sind? Oder weil sie ein echter Stachel im Fleisch einer verwöhnten und mobilen Generation sind? Wem käme es heute noch in den Sinn, für den Rest seines Lebens den Vorsatz zu fassen, das Kloster nur in absolut dringenden Fällen zu ver- lassen, bei Tisch nur wenig und vorzugsweise von den weniger guten Speisen zu essen oder sich einer geradezu peinlich genauen Observanz zu befleißigen? Und wer von uns könnte sich noch vorstellen, nach einem strengen Tag an der Pforte trotz der Erlaubnis, fernbleiben zu dürfen, jede Nacht treu beim Mitternachtschor zu erscheinen, danach bei den verstorbenen Mitbrüdern in der Totengruft persönlich weiterzubeten und schließlich ab halb Vier in der Frühe wieder auf den Beinen zu sein? Dieses und vieles anderes könnte ich noch aufzählen. Was ist damit aber anderes gewonnen, als dass die einen befremdet vor diesem Heiligen stehen, indes andere ein schlechtes Gewissen bekommen. Damit aber verstellen wir uns den Blick für die entscheidende Provokation im Leben von Bruder Konrad.

Diese Herausforderung liegt in seiner radikalen Offenheit auf Gott hin. Es gab in seinem Leben eigentlich nichts, das nicht berührt und durchdrungen war von seiner Freundschaft mit Gott: die alltäglichen Verrichtungen im Kloster ebensowenig wie die Stunden intensiven Betens. Ihn erfährt er als liebenden Freund, der sein Leben trägt; ihn erfährt er im gekreuzigten Christus als den leidenden Gefährten, dem er seine eigene und die Not der andern hinhält; ihn erfährt er als den bittenden Gast, der immer neu Einlass begehrt. Die 41jährige Tätigkeit von Bruder Konrad als Klosterpförtner war für ihn nicht einfach ein interessanter und von ihm selbst gesuchter Job. Sein Dasein als Pförtner ist die Verwirklichung seiner Person. Denn in seinem Beruf durchdrangen sich die Begegnung mit Gott und die Begegnung mit den Menschen. Als äußere Zeichen dafür stehen die Klosterpforte mit ihrer oft genug erbarmungslosen Glocke und das Fensterchen zum Altar in der Alexiuskapelle. Zwischen diesen Polen spielte sich das Leben von Bruder Konrad ab. Wenn er oft bis zu 200maI im Tag an die Pforte gehen und an gewissen Tag das Vielfache davon an Menschen hereinlassen musste, dann war er ganz sich selbst. Selbstverwirklichung hieß für ihn, Pförtner zu sein für Menschen, die er sich nicht auswählen konnte: Sünder und seelisch Kranke, Anständige und Unanständige, Sympathische und ekelhafte Typen, hungrige Arme und gefräßige Landstreicher, wohlbestallte Prälaten und armselige Landpfarrer, kurz: Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten in allen denkbaren Lebenslagen.

In diesen Menschen ließ Bruder Konrad die Welt an sich herankommen. In ihnen erfuhr er jenen, der sagt:

"Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir" (Offb 3, 20).

In der konkreten Alltäglichkeit dieses Kommens und Gehens, dieses Klopfens und Rufens von Menschen jeder Gattung erschließt sich Bruder Konrad die Ankunft des Einen, den er selbst regelmäßig im Sakrament empfängt und vor dem Tabernakel besucht. Wir haben es bei ihm mit einer Pastoral der Gastfreundschaft zu tun, die ohne jede Aufdringlichkeit Menschen tiefer zu bewegen und zu bekehren vermag als jedes Wort. Bruder Konrad hat Menschen nicht eingeteilt in Gute und Böse, in Fremde und Volksgenossen. Er hat weder die Sünder verurteilt noch die Tugendhaften verhimmelt. Er hat die Menschen ganz einfach so an sich heran- und hereingelassen, wie sie sind. Die Kraft zu diesem geduldigen Dienst an Menschen wurde ihm zuteil von jenem, den er ganz in sein Herz geschlossen hatte: Christus.

Bruder Konrad erteilt uns, der Kirche, und uns, dem Kapuzinerorden, eine Lektion, die wir nie vergessen dürfen, nämlich: Wir sollen die Menschen unterschiedslos an uns herankommen lassen und ihnen damit die Zugänglichkeit des oft so fern scheinenden Gottes erfahrbar machen. Was Bruder Konrad im Hintergrund für sich persönlich an strenger Askese lebte, war nur das Einüben jener Offenheit für Gott, auf die es letztlich ankommt. Sein Schweigen, sein immerwährendes Gebet, seine Treue in den kleinen Dingen des Ordensalltags, seine Pünktlichkeit, seine Anspruchslosigkeit, seine Andacht zur Gottesmutter standen im Dienst der einen großen Sache: die Ankunft Gottes und der bedürftigen Menschen an sich und in sich geschehen zu lassen. Selbst sein Sterben steht noch in dieser Logik: mit letzter Kraft erhebt er sich von seinem Krankenbett und macht sich nochmals zur Pforte auf. Diesmal allerdings kommt ihm der Freund zuvor, für den er abertausende Male an die Pforte des Klosters gegangen ist, und macht ihm die Pforte zum Leben auf: Jesus Christus.

Schwestern und Brüder,

wir feiern nun Eucharistie, das Sakrament der Gastfreundschaft Jesu. Bruder Konrad hat in der Kraft dieser Speise über 40 Jahre lang den Weg zur Pforte zurückgelegt. Er konnte die Menschen vorbehaltlos an sich herankommen lassen und ihnen zu Diensten sein, weil er sich in seiner ganzen Armut dem Geheimnis Gottes ausgeliefert hat. Dies neu zu lernen, stünde unserm Orden gut an. Es zeitgemäß zu leben, ist drängender Auftrag: nicht nur an den Pforten unserer Klöster, noch mehr an den Pforten unserer Herzen. Amen.