Bruder Konrad
Bruder Konrad von Parzham
Der heilige Kapuziner an der Klosterpforte von Altötting

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Predigten beim Bruder-Konrad-Triduum
vom 15. bis 17. April 2005

Altötting, Basilika St. Anna
von Domkapitular Prälat Dr. Bertram Meier, Augsburg

Thema: Das Kreuz ist mein Buch.

1) Stell´ dich in den Schatten des Kreuzes!

Wachsen am Kreuz wie eine Kletterpflanze: Auch der hl. Bruder Konrad lernte, dass der Auferstandene sein Leben durchkreuzt und damit sein Kreuz belebt hat.

2) Wie hältst du´s mit dem Kreuz?

Die moderne Gretchenfrage: Die Versuchung unserer Zeit liegt darin, das kantige Kreuz in einen runden Spazierstock umzubiegen. Die Kreuzesreligon entartet zur Wohlstandsreligion.

3) Pfortendienst zwischen Himmel und Erde

Was predigt uns der hl. Bruder Konrad?

a) Er predigt, indem er schweigt: das Leben der Menschen in den Raum Gottes holt.

b) Er ist ein "Ministrant der Gottesmutter"

c) Er ist ein Fingerzeig auf das einzige Heil, Jesus Christus.

4) Das Kreuz unserer Zeit: Mangel an geistlichen Berufen.

Br. Konrad war ein "Meister der Berufungspastoral". Gerade zu jungen Menschen hatte er einen besonderen Draht. Wer nicht täglich die Kirche annimmt und
(mit-)trägt, kann nicht mein Jünger sein.

 

1. Predigt

Stell dich in den Schatten des Kreuzes

"Es war einmal ein Mann", so erzählt eine Geschichte aus der Weisheit
Asiens. "Es war einmal ein Mann, den ängstigte der Anblick seines eigenen Schattens so sehr, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen. Er sagte zu sich: Ich laufe ihm einfach davon. Er stand auf und lief davon. Aber der Schatten blieb ihm auf den Fersen. Da sagte er zu sich: Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller und schneller - so schnell, bis er tot zu Boden sank."

Es war einmal ein Mann...:

ein Mann - eine Frau - Sie - ich - jedermann. Jedermann hat seinen Schatten, nicht nur wenn die Sonne scheint. Er gehört zu uns, er folgt uns auf dem

Fuße. Es gibt so viele Schatten, wie es Menschen gibt.

Manche sehen sich ganz in den Schatten gestellt. Sie haben's schwer mit sich und ihrer Welt. Sie leiden daran, dass sie so sind, wie sie sind; nicht so gewachsen wie andere nebenan; nicht mit den Begabungen, die ein anderer hat. Sie werden nicht damit fertig, dass sie im Beruf keine Anerkennung finden, dass sie seit Jahren auf der Stelle treten oder abgeschoben werden: allein in ihren vier Wänden, ohne einen Menschen, den sie wenigstens anrufen könnten; allein mit den falschen Lebensentscheidungen, mit dem Scherbenhaufen verkorkster Vergangenheit.

Schatten werden auch sichtbar, wenn wir erfahren, dass unser Leben Stückwerk ist, wenn vieles von unseren Plänen und hochgesteckten Zielen auf der Strecke bleibt. Mit großem Elan sind wir an den Start getreten und enden in Filzpantoffeln.

Schatten unserer Endlichkeit, Schatten unserer Lebensgeschichte: Dazu gehört auch der Schatten unserer Schuld. Wer von uns kann einfach sagen, dass er gut ist. Wer von uns muss nicht zugeben, dass bei allem guten Willen doch noch ein Stück Selbstsucht mit im Spiel ist. Wir machen andere herunter, um selbst groß heraus zu kommen. Wir lassen sie unsere Macht spüren, wenn wir am Drücker sind. Das alles erschwert oder zerstört Leben - nicht selten so tief, dass es lange nicht wiedergutzumachen ist.

Das alles betrifft uns Christen auch. Wir wissen es genau: Auch bei uns ist oft mehr Schatten als Licht. Wir reden von der lebendigen Gemeinde und halten das Evangelium auf funzeliger Sparflamme. Wir reden von der Treue, bis der Tod uns scheidet, und bleiben zusammen, solange es gut geht. Klafft nicht ein ungeheurer Abgrund zwischen unserer Verantwortung für die Welt und unserem privaten Dahinleben? Da sitzen wir abends im Fernsehsessel und lassen Schreckensbilder an uns vorbeirauschen - in Farbe! Und wir hören das Winseln verzweifelter Menschen - in Stereo! Die Fernsehansagerin lächelt; was sie zu sagen hat, kann zum Heulen sein...

Es war einmal ein Mann, den ängstigte der Anblick seines eigenen Schattens so sehr, dass er sagte: Ich laufe ihm einfach davon. In der Tat: Der Anblick des eigenen Schattens kann uns Angst einjagen. Zum Davonlaufen: Weg von den Konflikten, weg von den zerbrochenen Beziehungen, weg von den Halbheiten und Inkonsequenzen, von Versagen und Schuld, weg - weit weg, ja nichts mehr davon hören, ja nichts mehr davon sehen: weg an einen anderen Ort. Aber er sitzt uns auf den Fersen - unser Schatten; er folgt uns mühelos. Selbst wenn wir auf der Flucht zusammenbrechen, unser Schatten bleibt.

Muss die Schatten-Geschichte so enden, dass man sich totläuft? Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Die Erzählung deutet sie an - in einem Nachsatz: "Wäre der Mann in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden." Wo ist ein Baum, der unseren Schatten aufnimmt?, werden Sie fragen. Hier sind wir mit unserer Geschichte am Ende. Hier beginnt eine neue Geschichte: Gottes Geschichte mit uns. Gott nimmt sich unserer Sache an: "Denn er hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16) Er hat in unserer Mitte einen Baum aufgerichtet: den Baum des Kreuzes. Und er lädt uns ein, uns in den Schatten des Kreuzes zu stellen. Wer das tut, der muss nicht mehr - von Angst gejagt - davonlaufen vor seinem Schatten. Er darf sich aufgenommen und geborgen wissen. Er darf innehalten und seinem Schatten sich stellen. Er wird fähig, auch die finsteren Punkte zuzulassen - die Dunkelheiten, die dazugehören, das Versagen und die Pleiten. Er braucht keine anderen mehr als Sündenböcke. Denn unter dem Kreuz - da hat er einen Platz gefunden, wo er stehen kann.

Unter dem Kreuz - das ist unser Platz. Wir - vor dem Altar - hier und jetzt - unter dem Kreuz. Dorthin bringen wir alles mit. Das ist mir in den letzten Tagen einmal neu aufgegangen, als ich allein in der Kirche saß - unter dem Kreuz. In seinen Schatten darf ich alles stellen: meine Anlagen und Fähigkeiten, meine Bemühungen und Erwartungen, meine Ängste, mein Licht und meinen Schatten, meinen Namen und mein Gesicht. Und nicht nur ich, sondern auch alle, die an der Gemeinde bauen - wir dürfen jeden Tag alles in den Schatten des Kreuzes stellen: "die Zeit zu suchen und die Zeit zu finden, die Zeit zu behalten und die Zeit wegzuwerfen, die Zeit zu umarmen und die Zeit, die Umarmung zu lösen, die Zeit zu schweigen und die Zeit zu reden" (Koh 3). Alles wird wertvoll im Schatten des Kreuzes - dort, wo Jesus seinen Geist zurückgibt an den Vater und ihn zugleich aushaucht an uns, seine Gemeinde. Stellen wir uns in den Schatten des Kreuzes! Sicher: Damit sind nicht alle Probleme gelöst und sämtliche Konflikte versöhnt. Damit kommt nicht gleich der Himmel auf Erden. Damit ist auch der Anspruch der Nach-folge Jesu nicht zurückgenommen. Im Gegenteil: Im Zeichen des Kreuzes wird manch allzu menschlicher Plan göttlich durchkreuzt. Im Zeichen des Kreuzes bekommt manch schlaue Idee erst Hand und Fuß.

Denn die Welt braucht keine lauwarme Predigt, die so herzhaft schmeckt wie Spülwasser! Wir brauchen keine sterilen Arbeitspapiere, die niemand liest. Wir brauchen keine endlosen Konferenzen, bei denen lediglich die Zigaretten brennen und nicht die Herzen. Die Menschen von heute suchen Christen, die innerlich brennen und glühen. So haben wir heute auch die Aufgabe, Schutt und Asche von der Glut wegzuräumen, um den Menschen wieder den Kern der Hoffnung zu zeigen, die uns erfüllt - gerade in einer Stadt, in der so viele Menschen zuziehen, die noch gar nichts von Gott gehört haben, da sollte es darum gehen, manchen Schutt beiseite zu schieben: den einseitigen Progressismus, der nichts erwarten kann; den ängstlichen Konservatismus, der verteidigt und nicht inspiriert; den kämpferischen Fundamentalismus, der in der kleinsten Veränderung das Testament Jesu gefährdet sieht.

Wir stehen im Schatten des Kreuzes und bitten:

Komm, Heiliger Geist,
in unsere Stadt,
in unsere Gemeinde,
in unsere Herzen.
Ohne dich lesen wir Bücher
und werden nicht weise.
Ohne dich reden wir lange
und werden nicht eins.
Ohne dich sehen wir nur Fälle,
Zahlen und Fakten.
Ohne dich zerfällt unser Leben
in eine Reihe von sinnlosen Tagen.
Ohne dich werden wir treulos.
Ohne dich werden die Kirchen Museen.
Ohne dich wird das Beten Geschwätz.
Ohne dich finden wir keine Vergebung.
Komm, Heiliger Geist. Amen.


2. Predigt

"Wie hältst du's mit dem Kreuz?"

Liebe Schwestern und Brüder!

"Wie hältst du's mit der Religion?" Die Gretchenfrage in Goethes Faust findet in einer christlichen Gemeinde eine bemerkenswerte Wende. Sie lautet: "Wie hältst du's mit dem Kreuz?"

Auf dem letzten Konzil stand ein Bischof aus der Dritten Welt vor dem Mikrofon. Er nahm das Kreuz, das er auf seiner Brust hängen hatte, in die Hand, schaute es ein wenig an und rief dann in die Aula des Petersdomes: "Wir tragen alle ein Kreuz auf der Brust. Es wäre besser, wir würden es auf dem Rücken tragen."

Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz. Wie hältst du's mit dem Kreuz? -

Um sich einer Antwort anzunähern, habe ich mir überlegt, wo und wie wir Tag für Tag mit dem Kreuz umgehen; wo es in unserem Leben vorkommt und welche Bedeutung es dann hat.

Da ist zunächst die Geste des Kreuzzeichens. Damit beginnen wir unsere Gottesdienste. Wir sehen Sportler, die sich vor dem Start bekreuzigen. Ist das Bekreuzigen nicht zu einer gedankenlosen, harmlosen Geste geworden? Einigen Kommunionkindern ist dieses Zeichen noch gar nicht geläufig; und es scheint ihnen nichts zu fehlen! - Dann gibt es Redensarten, in denen das Kreuz vorkommt – oft einfach dahingesagt: Es ist schon ein Kreuz mit diesem oder jenem ... Schließlich hat das Kreuz seinen festen Platz in unseren Kirchen und vielen Wohnungen, auf Straßen und Feldwegen, noch in Behörden und Schulen. Wir kennen Kreuze zur Bestätigung besonderer Verdienste - das Bundesverdienstkreuz - und als Ausdruck spezieller Würden - das Brustkreuz unserer Bischöfe. Das Kreuz: Wir treffen es auch an als Schmuckstück zur Verschönerung von Hals und Wand, ein Objekt für Maler und Musiker, für Designer und Architekten.

Ist es das wirklich - das Kreuz? Wenn man in einem Lexikon nachschlägt, findet man ganz andere Töne. Die Kreuzigung war eine Hinrichtungsart. Sie wurde von den Persern erfunden und von den Römern übernommen. Nur Schwerstverbrecher wie Mörder, vor allem aber Sklaven und Terroristen, wurden mit dem Tod am Kreuz bestraft. Wie erniedrigend und brutal zugleich die Kreuzigung galt, zeigt sich daran, dass römische Bürger nicht gekreuzigt werden durften. Denken wir an den Völkerapostel Paulus, der als römischer Bürger deshalb nicht gekreuzigt, sondern enthauptet wurde. Die Gekreuzigten starben langsam und qualvoll. Ihr Todeskampf dauerte oft zwei Tage. Sie starben nicht durch Blutverlust, sondern durch Ersticken.

Liebe Schwestern und Brüder!

Stärker kann der Kontrast nicht ausgedrückt werden zwischen dem, was unser Alltagsverständnis vom Kreuz ausmacht und dem, was dieses Zeichen eigentlich ist: Brutales Hinrichtungsgerät statt harmlos schönes Schmuckstück, Schandpranger statt Heilszeichen. Deshalb ist es ein Kreuz mit dem Kreuz. Denn des Menschen Versuchung liegt darin, die spröden Kreuzesbalken in ein wertvolles, rundes Schmuckstück zu gießen, das von vielen bewundert, aber nur von wenigen in seiner letzten und ernsten Bedeutung erkannt wird. Das Kreuz ist kein Accessoire des Christentums, das Kreuz ist seine Mitte und sein Kern. Das wollen viele nicht mehr begreifen: Die "Kreuzesreligion entartet zur Wohlstandsreligion", wie es die Würzburger Synode treffend auf den Punkt bringt. Die Konsequenzen sind fatal: Ostern feiern ohne Karfreitag; zur Eucharistie treten ohne Beichte; die Sakramente empfangen ohne Vorbereitung; zur Erstkommunion gehen, ohne sich in den regelmäßigen Gottesdienstbesuch eingeübt zu haben; von der Jerusalemer Urgemeinde träumen, ohne sich je in der Kirche engagiert zu haben; ökumenisch gesinnt sein wollen, ohne sich ernsthaft über die Glaubensbrüder und -schwestern informiert zu haben.

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Kreuz ist durch nichts zu ersetzen - weder durch Wissen noch durch Technik, weder durch Philosophie noch durch Revolution, weder durch Strategie noch durch neue Strukturen. Es ist der einzige Weg zu jener Wirklichkeit, die Reich Gottes heißt. Ohne den Mut zum Kreuz geht manches schief. Ich weiß, dass es gerade nicht schick ist, vom Opfer zu sprechen. Aber es besteht heute die Gefahr, Kreuz und Opfer an den entscheidenden Stellen des Lebens herausbrechen zu wollen. Es geht um Freiheit ohne Verantwortung, um Genuss ohne Maß, um Fortschritt ohne Krisen, um Liebe ohne Gebot. Man will die Einheit der Kirchen, der Nationen, der Kontinente ohne den mühsamen Weg der Bekehrung der Herzen. Verhandlungen an immer größeren Tischen enden im Kuhhandel fauler Kompromisse. Wer auf der Strecke bleibt: der Mensch. Die Spannungen zwischen Armen und Mächtigen wachsen, die tödlichen Waffen warten auf ihre Stunde und die Erde erstickt mehr und mehr in ihrem eigenen Unrat, der aus den Seelen und Taten der Menschen abgeladen wird. Viele spüren: So kann es nicht weitergehen. Wir Christen haben keine Patentlösung, aber wir haben das Kreuz. Das Kreuz richtet unser Tun. Das Kreuz ist eine Lebensform, eine Perspektive, mit der ich die Welt als Ganzes und auch meine Welt anschaue. Vom Kreuz Jesu her können und dürfen wir erkennen, dass es viele Gekreuzigte gibt um uns herum, so viele Gekreuzigte auf dem Weg hin zu dem Einen. Da ist die Frau, die einen Alkoholiker als Mann durchträgt und ihn nicht fallen lässt, auch wenn er ihre Versuche oft und oft durchkreuzt. Sehen Sie den Balken des Kreuzes auf ihren Schultern? Da ist der Junge, der von seinen Eltern zu Leistungen in der Schule aufgestachelt wird, und sie nicht bringen kann. Sehen Sie die Spuren der Domen auf seinem Gesicht? Da ist der Mann, dessen Frau gestorben ist. Viel zu früh - an Krebs. Der Mann, den am Wochenende die große Einsamkeit überkommt. Hören Sie seinen Schrei: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" So viele Gekreuzigte auf dem Weg zu dem Einen – in unserer großen und kleinen Welt, in unserer Gemeinde. Es ist auch für einen Christen schwer, diese Kreuze, die die eigenen Pläne je durchkreuzen können, anzunehmen und zu tragen. Noch schwerer ist es oft, diesen Kreuzen einen Sinn abzugewinnen. Wenn ich mir solche Gedanken mache, dann erinnere ich mich an meine Zeit am Germanicum. Wir Studenten schenkten einem unserer Jesuitenpatres eine Kletterpflanze zum Geburtstag. Er stellte sie in seinen Herrgottswinkel und mit der Zeit fing die Pflanze gleichsam zu predigen an: Nach und nach rankte sie sich am Kreuz empor. "Wachsen können" am Kreuz - das ist die Predigt der Kletterpflanze: ein Bild für unser Leben, das dem Kreuz nicht ausweichen kann. Wir werden es nicht immer stolz auf der Brust tragen, sehr oft müssen wir es auf dem Rücken schleppen und schleifen. Was das heißt, spricht ein Gebet aus, das in New York im Wartesaal eines Krankenhauses zu lesen ist:

Herr, ich habe dich um Kraft gebeten, um Erfolg zu haben;
du hast mich schwach werden lassen, damit ich gehorchen lerne.
Ich habe dich um Gesundheit gebeten, um große Dinge zu tun;
ich habe die Krankheit erhalten, um Besseres zu erledigen.
Ich habe dich um Reichtum gebeten, um glücklich zu sein;
>ich habe die Armut erhalten, um weise zu werden.
Ich habe dich um Macht gebeten,
um von den Menschen geschätzt zu werden;
Ich habe die Ohnmacht erhalten,
um Verlangen nach dir zu verspüren.
Ich habe dich um Freundschaft gebeten,
um nicht allein leben zu müssen;
du hast mir ein Herz gegeben,
um all meine Brüder und Schwestern zu lieben...
Ich habe nichts erlangt von dem, was ich erbeten hatte;
ich habe alles erlangt, was ich erhofft hatte.
Fast gegen meinen Willen
sind meine ungesagten Gebete erhört worden.
Ich bin der Beschenkteste aller Menschen.
Gekreuzigter Herr Jesus Christus, ich danke dir. Amen.


3. Predigt

Vollendung an der Pforte zum Himmel

(hl. Konrad von Parzham OFMCap)

110 Jahre sind vergangen, seit Bruder Konrad gestorben ist; 70 Jahre sind vergangen, seit er heiliggesprochen worden ist. Wenn wir heute zu seiner Ehre hier zusammenkommen, versammeln wir uns nicht um einen Toten, sondern um einen Lebendigen. Denn als Heiliger gehört er nicht zu den Toten, sondern er lebt bei Gott. Er ist lebendiger als wir alle; denn er lebt Gottes Leben. – Das 70jährige Jubiläum seiner Heiligsprechung ist daher nicht einfach Rückschau, sondern Begegnung mit ihm. Wir dürfen mit ihm Zwiesprache halten. Dabei sagt er uns, was wir tun sollen, damit wir richtig leben und Christus nachfolgen, wie er ihm nachgefolgt ist. Er sagt uns, worauf es in unserem Leben ankommt.

Treu und geduldig im selbstlosen Dienst

Br. Konrad predigt durch sein Schweigen

Wie spricht er zu uns? Kaum mit Worten; denn er war zeitlebens ein großer Schweigender. Er spricht zu uns durch das, was er war; er spricht zu uns als Pförtner von St. Anna.

Was sagt er uns? Wir sollen treu unsere Pflicht tun um Gottes willen und dem Nächsten in Liebe dienen. Bruder Konrad hat sich den Dienst an der Klosterpforte nicht ausgesucht. Im Gegenteil, er war ins Kloster gegangen, um in der Stille zu leben, um zu schweigen und zu beten. Als er von seinem Oberen erfuhr, dass er den Pförtnerdienst übernehmen solle, erfüllte ihn Angst. Er fühlte sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Die Pforte war ein Vertrauensposten und gleichzeitig ein "Schleudersitz". Kein Wort der Widerrede kam über seine Lippen. In seiner Not ging er zuerst in die Gnadenkapelle und erflehte den Beistand der Gottesmutter, die er so sehr verehrte. Er brauchte ihre Hilfe und er erhielt ihre Hilfe. Treu und gehorsam übernahm er den ihm übertragenen Dienst. Es gab Tage, an denen er über 200mal an die Pforte gerufen wurde. Alle möglichen Bitten und Anliegen wurden ihm vorgetragen, nicht nur fromme. Unzählige Brote hat er zur Pforte getragen, um Arme zu speisen, manchmal so viele, dass sich der Küchenbruder ärgerte. "Das kommt alles wieder herein, was man den Armen gibt", war Bruder Konrads Antwort. Bei der Speisung der Armen erlebte Bruder Konrad nicht nur Freude. Es kamen auch Strolche und freche Kerle. Einmal warf ihm ein Bettler die Suppe samt dem Teller vor die Füße und schrie ihn beleidigend an. Was tat Bruder Konrad? Schweigend las er die Scherben auf und holte eine andere Suppe. So groß war seine Liebe zu den Armen, dass er sich durch nichts verbittern ließ.

41 Jahre lang hat Bruder Konrad den Dienst an der Pforte versehen, in Treue und Geduld, gelassen und selbstlos, ohne viele Worte zu machen. Denn er wusste um das Wort des Herrn: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt" (Mt 7,21).

Mehr als durch Worte gibt uns Bruder Konrad durch sein Leben heilsame Weisungen für die Gestaltung unseres Lebens, Weisungen, die heute noch aktueller sind als damals, als er seinen Pfortendienst versah. Der Geschwätzigkeit unserer Zeit setzt er das Schweigen entgegen; unserem Immer-mehr-haben-Wollen die Armut und den freiwilligen Verzicht; dem heute verbreiteten Anspruchsdenken die Anspruchslosigkeit; dem einseitigen Pochen auf Rechte die treue Pflichterfüllung; der als Freiheit missdeuteten Haltlosigkeit den Gehorsam; der Bequemlichkeit die Entsagung. Und all das ist zusammengefasst in der Liebe zum Nächsten, besonders zu den Armen, die sich durch nichts verbittern lässt. All das sagt uns Bruder Konrad durch sein Leben an der Pforte und gibt uns dadurch eine heilsame Weisung für unser eigenes Leben.

Leben aus dem Geheimnis der Gegenwart Gottes

Br. Konrad als "Ministrant der Muttergottes"

Wie konnte er das nur? Bruder Konrad lebte nicht nur an der Klosterpforte, die ihn Tag für Tag in die Welt hineinschauen ließ. Er lebte zugleich an einer anderen Pforte, an der Pforte des Himmels, die ihn auf Gott schauen ließ. In der Lauretanischen Litanei rufen wir Maria als Pforte des Himmels an. Bruder Konrad lebte mit Maria. Jeden Morgen begann sein Tag in der Gnadenkapelle, wo er vor dem Bild der Gottesmutter die heilige Messe mitfeierte. Von ihrer Hand ließ er sich jeden Tag führen, um auf Christus zu schauen, mit ihm zu sprechen und bei ihm zu sein. Dies geschah in der Alexiuskapelle, die bei seiner Pforte lag und ihm den Blick auf den Tabernakel gewährte. Dort war sein Lieblingsplatz. Dort kniete er untertags, sooft er an der Pforte nicht beansprucht wurde. Dort kniete er stundenlang des Nachts, ins Gebet vertieft. Das ist das Geheimnis seines Lebens: Bruder Konrad lebte in der Gegenwart Gottes, in der ständigen Begegnung mit Gott. Diesen Vorsatz hatte er schon im Noviziat gefasst, wo er sich ins Ordensleben einübte: "Ich will es mir recht angewöhnen, mich allezeit in die Gegenwart Gottes zu stellen." Er beschreibt selbst, worin sein Leben besteht: "Meine Lebensweise besteht nun meistens darin: Lieben und leiden, im Staunen und Anbeten und Bewundern der namenlosen Liebe zu uns armen Geschöpfen ... Auch bei meinen vielen Geschäften bin ich oft umso inniger mit ihm vereinigt. Ich rede da ganz vertraulich, wie ein Kind mit seinem Vater."

Aus dieser Mitte lebte Bruder Konrad. Aus dem Geheimnis der Gegenwart Gottes gestaltete er sein Leben. Von seinem Platz an der Pforte des Himmels versah er den Dienst an der Pforte von St. Anna. Er selbst bezeugt es uns: "Nur ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Gelegenheit, wie ich mich zu verhalten habe. Das Kreuz ist mein Buch."

 

Die Mauern des Sichtbaren durchbrechen

Br. Konrad als Fingerzeig es wahren Heils

Der Heilige Vater sagte bei seinem Besuch in Altötting am 18. November 1980 über Bruder Konrad: "Wir sehen ihn in seiner Zelle knien - vor dem Fensterchen, das man ihm eigens durch die Mauer gebrochen hatte, damit er immer zum Altar der Kirche schauen konnte. Durchbrechen auch wir mitten im Alltag die Mauer des Sichtbaren, um immer und überall den Herrn im Auge zu behalten." Bruder Konrad hat die Mauer des Sichtbaren durchbrochen, auf den unsichtbaren Gott geschaut und von ihm her sein Leben geformt. Dadurch lehrt uns der Heilige das eine Notwendige, auf das es auch bei uns ankommt. Wir müssen den Bereich des Sichtbaren, Zählbaren, Messbaren, Berechenbaren überschreiten, Gott suchen, in der Begegnung und im Gespräch mit ihm leben und aus dieser Gemeinschaft mit Gott unser Leben gestalten. Das Wort des Bruders Konrad gilt auch für uns: "Das Kreuz ist mein Buch." Wenn wir das Kreuz anschauen und darin entdecken, wie sehr Gott uns liebt, werden auch wir wie Bruder Konrad erkennen, wie wir zu leben haben.

Als vor 70 Jahren Bruder Konrad heiliggesprochen wurde, breitete sich in unserem Volk die Ideologie des Nationalsozialismus aus, die ein Leben ohne Gott propagierte. Hätte sich unser Volk damals für das Ideal entschieden, das Bruder Konrad verkörpert, für ein Leben mit Gott und aus Gott, hätten wir uns und der Welt großes Leid erspart. Damals hat man den Anruf, der in dieser Heiligsprechung lag, nicht gehört und nicht verstanden. Dem "braunen Führer" huldigte das Volk mit Heil und brüllte sich selbst damit ins Unheil. Die Botschaft von Br. Konrad in der braunen Kutte lautet: Im Kreuz allein ist Heil.

Heute, 70 Jahre danach, ist dieser Anruf nicht weniger aktuell. Es herrscht zwar nicht mehr die Ideologie des Nationalsozialismus, aber andere Ideologien machen sich breit, die uns lehren wollen, ohne Gott zu leben. Wir erwarten das Heil vom wirtschaftlichen und technischen Fortschritt, von den Erfolgen unseres menschlichen Tuns und merken nicht, dass alles selbstgemachte Heil nur Illusion ist. Heil und Rettung des Menschen gibt es nicht ohne Gott, nur mit Gott. Darum liegt der entscheidende Fortschritt darin, dass wir die Mauern des Sichtbaren und Berechenbaren durchbrechen und auf Gott hin voranschreiten.

Das ist der Anruf, mit dem sich Bruder Konrad an seinem Jubiläum an uns wendet. Hören wir auf die Stimme des schweigsamen und darum so eindringlich rufenden Pförtners von Altötting und folgen wir ihr. Er hat bereits in seinen Erdentagen an der Pforte des Himmels gelebt. Nun hat er sie durchschritten und lebt bei Gott. Bruder Konrad, der heilige Pförtner, öffne auch uns die Pforte des Himmels und weise uns den Weg zu einem Leben, das zu leben sich lohnt, zu einem Leben, das seine Vollendung findet in Gott. Amen.


4. Predigt

Wer nicht täglich die Kirche annimmt und (mit)trägt, kann nicht mein Jünger sein.

Liebe Schwestern und Brüder,

Augen sind der Spiegel des Herzens. Wir haben Jesus nicht gesehen, aber ich bin sicher: Er muss gütige und aus Güte sehende Augen, gehabt haben. Denn sonst hätte er all die Gebrechen und Nöte der Menschen nicht sehen können. Jesus hatte eine aufmerksame, feinsinnige Sehkraft. Deswegen konnte er wahrnehmen, wo der Schuh derer drückt, die ihm folgten. Sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten hatten. Eigenartig - dieser Kommentar des Evangelisten Matthäus. Da muss man widersprechen: Die Menschen hatten doch ihre Hirten. Sie kamen doch aus ihren Gemeinden, wo es Rabbiner, Schriftgelehrte, Gesetzesfromme, Prediger und Pharisäer gab!

Fanden sie dort nicht das, was sie suchten?

Waren sie allein mit ihren Fragen - ohne Antwort?

Allein in ihrer Not - ohne Hilfe?

Allein in ihrer Gewissensangst - ohne Befreiung?

Allein mit ihren Tränen - ohne Trost?

Allein im Gestrüpp ihrer Sünden - ohne Vergebung?

Ich kann mir das gut vorstellen. Vielleicht sind sie auf Jesus gestoßen, weil sie vom harten Stab ihrer Hirten sich nichts erhoffen konnten, weil sie dieser harte Stab eher niedermachte als aufrichtete. Vielleicht haben sie nach Erbarmen und Verständnis gelechzt und bekamen nur eine spröde Moralpredigt zu hören. Als Kirche sind wir nur dort glaubwürdig, wo wir das Erbarmen und die Güte Gottes verkündigen und gewähren; wo wir uns als Christen wieder bewusst werden, dass auch wir das Heil nicht gepachtet haben, sondern je neu auf Gottes Erbarmen angewiesen sind. Es ist nicht unsere Kirche, die wir nach unserer Facon aus- und umgestalten können es ist seine Kirche, die uns anvertraut ist - nicht als Eigentümer, sondern Treuhänder.

Nicht umsonst ist uns Johannes XXIII, der "Gute", in so guter Erinnerung: Er hat sich nicht zu wichtig genommen. - Nicht umsonst strahlt das gütige Lächeln von Albino Luciani, des "Dreiunddreißig-Tage-Papstes", noch in so manchen unserer Herzen. Sein Lächeln, seine Gelassenheit predigte eindringlicher als lange Predigten und dicke Bände kirchlicher Verlautbarungen.

Von Johannes XXIII wird eine Episode überliefert, die von seiner Güte zeugt. Als er noch Patriarch von Venedig war, hatte er einmal große Schwierigkeiten mit einem seiner Priester. Immer wieder gingen über ihn Beschwerden ein. Er solle sich mehr in der Kneipe als in der Kirche aufgehalten haben. Der Patriarch beschloss nun, den Priester persönlich zu besuchen. Er klingelte am Pfarrhaus - aber ohne Erfolg. Also ging er in die nächste Kneipe. Dort fand er ihn - verschüchtert und verschämt. Johannes ging auf ihn zu und sagte zu ihm: "Komm, gehen wir miteinander ins Nebenzimmer. Ich will heute - bei dir - die Beichte ablegen." So hat der Bischof und spätere Papst einem Menschen, der daniederlag, der als Priester die Richtung verloren hatte, das Ansehen wieder zurückgeschenkt.

Jemanden wieder anschauen. Jemandem in die Augen sehen. Jemandem Ansehen schenken. Jesus hat die Menschen, die ihn umgaben, lange angeschaut. Sein Blick hat die Menschen verwandelt.

Viele Menschen warten heute auf unseren Blick. Es fällt auf, dass unsere Zeit nach immer mehr Beratungsstellen ruft. Das Leben ist so kompliziert geworden, dass der einzelne kaum noch die Übersicht behalten kann. Er ist angewiesen auf den Rat der Spezialisten. Es gibt Stellen für Erziehungsberatung, für Berufsberatung, für Eheberatung, für Drogensüchtige, alleinstehende Mütter, Rentenberatungsstellen, Gesundheitsberatung und noch vieles mehr. Und trotz dieser vielen Ratgeber ist die Ratlosigkeit größer denn je. Wer sagt, er sei ratlos, meint meist nicht eine Detailfrage, sondern eine größere Unsicherheit über den Sinn seines Lebens, seiner Arbeit, seiner Rolle in der Familie. Der Mensch, ratlos geworden im Hexenkessel seiner Welt, sucht nach Halt. Aber vieles, was daher getrieben kommt auf dem Strom des Lebens, erweist sich als Stroh, das keinen Halt zu geben vermag. Sich diesem rat- und haltsuchenden Menschen zu stellen, ihm Auge und Ohr zu schenken, ist die Aufgabe der Seelsorge. Seelsorge aber kann in diesem Sinne nicht reduziert werden auf die institutionelle Aufgabe der Kirchen, und ihrer Pfarrer. Seelsorge ist Aufgabe eines jeden Christen. Es wäre die Preisgabe unseres Christentums, wenn wir Seelsorge an Organisationen delegieren, wenn wir den Priester kommen lassen auf Bestellung und uns von einer unserer schönsten Aufgaben durch karitative Spenden loskaufen wollten. Organisationen sind notwendig – auch in der Kirche. Sie vermögen manches zu leisten, was der einzelne nicht schaffen könnte. Aber sie dürfen nicht zum Alibi für mangelndes Engagement des einzelnen werden. Sie, liebe Schwestern und Brüder, sind füreinander verantwortlich! Auch unter uns gibt es Menschen, die müde sind und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Gerade uns katholischen Christen hat man oft den Vorwurf gemacht, wir gingen den Problemen unserer Mitmenschen aus dem Weg und vertrösteten sie mit frommen Sprüchen aufs Jenseits. Ich glaube, wir könnten diesen Einwand entkräften, wenn wir uns unsern Nächsten wirklich stellen: wenn wir nicht an ihnen vorbeischauen, sondern ihnen einen Blick schenken, ihnen in die Augen schauen, ihnen dadurch Ansehen schenken. Wer im Diesseits erfährt, dass er durch uns Christen ernst genommen wird, wird vielleicht auch einmal daran glauben, dass es uns ernst sein könnte mit der Liebe zu Gott, der im Jenseits auf uns wartet. Amen.